Alpenwelt.TV

das Magazin für oberbayrische Lebensart :-)

Die Droge der Natur – Sex als Mosaikstein für Gesundheit und Wohlbefinden - Interview mit der Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat

Blume violett kl

Alpenwelt.TV hat in Kooperation mit Köln-Insight.TV eine Radio-Interviewserie "Kölner SexTalk" mit der Priener Paar- und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat geführt - hier für alle zum Nachlesen.

Köln-Insight.TV: Wir finden uns heute zum zehnten Mal zum Gespräch ein – anschließend wird es eine kleine Sommerpause geben – für Zeit, um all die Informationen, Tipps und Ratschläge auch umzusetzen. Gibt es einen geeigneteren Zeitpunkt als die Urlaubszeit dafür?
Deswegen wollen wir diese Gesprächsrunde dazu nutzen, noch mal auf die Grundpfeiler hinzuweisen. Und – Sex als Medizin, also als Mosaikstein für die Gesundheit zu betrachten. Was macht Sex gesund? Was passiert in unserem Körper beim Sex? Wieso ist Sex ein Mosaikstein für die Gesundheit? Und – ist jeder Sex immer gesund? Frau Dr. Kossat …
Dr. Jutta Kossat: Beginnen wir doch bei Ihrer letzten Frage. Ist Sex immer gesund? Das ist jetzt gleich die Quintessenz der Interviewreihe.
Sex ist gesund, wenn ich es schaffe, mir dabei meine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Und zwar die Bedürfnisse nach Geborgenheit, Nähe, nach Akzeptanz allgemein sowie nach Akzeptanz als Frau oder Mann, ebenso nach Sicherheit und nach dem Ich-bin-okay-so-wie-ich-bin.
Wenn ich mich mit all meinem Bedürfnissen, Wünschen und Fantasien dem anderen zeige und er mich trotzdem liebt. Das ist eine der größten Sorgen, die Männer und Frauen haben. Liebt sie mich, obwohl ich schnell komme? Liebt er mich, obwohl ich weniger Lust habe? Oder bin ich zu dünn, zu dick oder einfach gut, so ich bin?
Köln-Insight.TV: Ja, das erscheint plausibel. Aber wie oder in welchen Situationen kann Sex ungesund sein?
Dr. Jutta Kossat: Sex kann auch äußerst ungesund, ja sogar krankmachend sein, wenn ich mich dafür verbiege. Wenn ich Reizwäsche anziehe, obwohl ich eigentlich der sportliche Typ bin. Wenn ich Viagra schlucke, obwohl es mir eigentlich widerstrebt. Wenn meine Bedürfnisse ignoriert werden oder ich es zulasse, dass sie nicht wahrgenommen werden, oder ich sie nicht ausspreche. Wenn ich es dem anderen nur recht machen will. Wenn ich also meine eigentlichen Gefühle verleugne. Und mich nur nach der Lust des anderen richte. Dann macht Sex krank und bewirkt genau das Gegenteil.
Köln-Insight.TV: Das zieht sich durch alle Interviews durch. Sex dient einerseits der Lust und andererseits der Beziehung und wenn ich beides miteinander verknüpfen kann, ist Sex also besonders erfüllend und gesund. Sex als Form intimer Nähe, stimmt das so?
Dr. Jutta Kossat: Ja, genau so ist es gemeint. Schauen Sie sich die WHO-Definition von sexueller Gesundheit an.
Die WHO sagt vereinfacht: „Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt.“ Und selbst die WHO sagt sinngemäß: „Es bleibt noch viel zu tun, um dies sicherzustellen.“
Köln-Insight.TV: Ich hab mal gelesen, Sex sei ein Grundbedürfnis wie essen und trinken - aber noch wichtiger, wenn es ein Grundbedürfnis ist, was dann, wenn es nicht befriedigt wird?
Dr. Jutta Kossat: Natürlich ist es so, dass wir nicht alle einen Partner haben, aber unsere Grundbedürfnisse bestehen fort. Die Grundbedürfnisse können wir auch befriedigen durch ehrliche Freundschaften ohne Selbstdarstellung oder einfach intime menschliche Begegnungen, indem wir Nähe zum anderen verspüren. Das soziale Netz gilt als einer der Hauptpfeiler für eine gesunde Psyche. Die Befriedigung läuft dann nicht auf der primär sexuell-körperlichen Ebene, sondern auf anderen kommunikativen Ebenen. Alle kennen, wie sehr die Umarmung einer Freundin bei Sorgen stützen kann.
Köln-Insight.TV: Gibt es Studien, die die gesundheitsfördernde Wirkung von Sexualität bestätigen?
Dr. Jutta Kossat: Ja, es gibt viele Studien, die dies bestätigen, und inzwischen ist es auch allgemein anerkannt, wie wichtig die sexuelle Gesundheit ist. Auch wenn man schon erkrankt ist oder ein chronisches Leiden hat, ist die Prognose der Erkrankung besser, wenn eine glückliche Erotik und Beziehung gelebt wird.
Beispielsweise schreibt Rick Miller (Brigham Young University, 2013): „Glücklich Verheiratete bleiben gesünder. Er sagt „Want to take care of your body? Take care of your marriage first.” Auch ist die Sterblichkeit von Männern deutlich geringer, wenn sie in glücklichen Beziehungen leben, zitiert John Gottmann eine Studie.
Selbst das Aussehen ist beeinflussbar. Eine Untersuchung von Dr. David Weeks zeigt, dass die zwischen dem 40. bis 50. Lebensjahr jünger aussehenden Frauen und Männer doppelt so viel Sex hatten.
Köln-Insight.TV: Sex als Anti-Aging-Mittel, wie interessant und hocherfreulich. Was genau bewirkt sexuelle Aktivität in unserem Körper? Vorausgesetzt, es geht uns gut dabei?
Dr. Jutta Kossat: Bei erfüllender Sexualität wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon stimuliert im Gehirn das Belohnungszentrum ähnlich wie Drogen. Oxytocin erhöht das Vertrauen und gibt ein Geborgenheitsgefühl. Und gerade für die Frauen hat es noch einen angenehmen Nebeneffekt.
Laut einer Studie der Universitätsklink Bonn (2013) erhöht Oxytocin die Attraktivität der Partnerin und stärkt die Monogamie!!!
Köln-Insight.TV: O,h noch besser – heute erfahren wir ja nur schöne Dinge – Sex macht doch glücklich …
Dr. Jutta Kossat: Nicht nur Oxytocin, sondern auch die Endorphine, die Glückshormone, sowie Dopamin werden aktiviert. Auch die Sexualhormone werden erhöht. Die für sich alleine ja auch schon einen Anti-Aging-Effekt haben.
Im Gegenzug werden die Stresshormone reduziert. Und auch das für die Entspannung zuständige Nervensystem, der Parasympathikus, wird aktiviert.
Köln-Insight.TV: Also enorm, was Sex in unserem Körper und bei den Hormonen auslöst …
Dr. Jutta Kossat: Aber nicht nur bei den Hormonen ändert sich einiges. Auch das Immunsystem wird gestärkt. Bestimmte Hirnareale werden aktiviert bzw. deaktiviert. Z. B. die präfrontale Hirnrinde wird deaktiviert, sie ist für das rationale Denken zuständig, das erklärt auch den Spruch: „Liebe macht blind“. Andere Hirnareale werden wiederum aktiviert durch Sex, z. B. die Amygdala, der Mandelkern, dadurch wird Angst reduziert, Misstrauen und Aggressionen abgebaut.
Köln-Insight.TV: Faszinierend, was Sex in uns bewirkt und wenn wir nach gutem Sex unseren Partner in einem positiveren Licht sehen, ist das doch super – und ganz besonders gut und vor allem harmonisierend für die Beziehung oder?
Dr. Jutta Kossat: Ja, genau, glücklicher Sex schafft Vertrauen und Bindung. Sex lässt uns manche Ecken und Kanten des Partners weniger stark wahrnehmen. Probleme, die sonst da sind, werden nicht mehr so tragisch genommen. Das Leben ist insgesamt mit mehr Lebensfreude gefüllt, sozusagen eine Droge der Natur.
Köln-Insight.TV: Na dann – was hält uns eigentlich noch ab, uns dieser legalen Droge der Natur zu bedienen, die uns doch alles verheißt: Gesundheit, Glück, Zufriedenheit und Bindung, und Bewegung verschafft sie uns auch noch. Warum ist dann nicht alles ganz einfach und wir lieben uns und haben entspannten Sex?
Dr. Jutta Kossat: Na ja viele störende Bedingungen haben wir ja in den vergangenen Interviews bereits erörtert. Lassen Sie es mich nochmal so zusammenfassen.
Jahrhundertelang haben wir zwei Dimensionen der Sexualität betrachtet: einerseits diente Sexualität der Fortpflanzung und andererseits galt die Lustseite der Sexualität als Laster, Sünde und Krankheit.
Da fällt mir ein: Wissen Sie den historischen Hintergrund von den Kelloggs Cornflakes oder Graham Cracker?
Köln-Insight.TV: Nein …
Dr. Jutta Kossat: Sylvester Graham war Erfinder des Grahambrotes oder der Graham Cracker. Er glaubte, dass ungesunde Ernährung zu exzessivem sexuellem Verlangen führe und das den Körper krank mache. Er hielt vegetarische Ernährung für ein gutes Mittel gegen sexuelle Lust.
Köln-Insight.TV: Oh …
Dr. Jutta Kossat: Oder John Harvey Kelloggs, der Miterfinder der Cornflakes, war überzeugt, dass das Ausleben von Sexualität krank mache und verordnete in seinem Sanatorium den Patienten zur Therapie u. a. seine Cornflakes und sexuelle Enthaltsamkeit.
Köln-Insight.TV: Ach herrje – Gott sei Dank sind wir heute bereits etwas weiter - auf mich wirkt das wirklich wie eine Anekdote …
Dr. Jutta Kossat: Natürlich wirkt das auf uns heute wie Anekdoten, aber ich bin mir sicher, diese jahrhundertelange Betrachtungsweise der Sexualität wirkt in uns auch heute noch nach. Über die Beziehung, die im sexuellen Miteinander entsteht, haben wir bisher nicht nachgedacht, selbst die 68er Generation nicht.
Sexualität wurde eben nicht als Form der intimen Begegnung oder Beziehung gesehen. Heute haben wir die Chance, Lust und Beziehung zu vereinen und zusammen zu erleben.
Köln-Insight.TV: Okay, dass dieses Wissen über Generationen hinweg unbewusst weitergegeben wurde, erscheint logisch. Aber eigentlich wissen wir doch heute viel mehr, müssten wir uns nicht schon längst davon befreit haben.
Dr. Jutta Kossat: Das sind wir wieder bei einem unserer ersten Themen. Allgemein oder zusammenfassend gesagt: Die Kommerzialisierung, die Omnipräsenz und die Banalisierung von Sex dienen nicht der Erotik. Sex sells ist überall präsent. Ich kann keine Zeitschrift aufschlagen, ohne Sex-Tipps zu bekommen. Ich mache abends den Fernseher an und stolpere über BDSM-Studios und sich anbietende Frauen. Öffentliche sexuelle Inszenierungen törnen die wenigsten an. Sex ist banal geworden, selbstverständlich, ohne Emotionen. Jungs verschicken SMSen an „Fickschnitzel“ und meinen damit ihre Mädchen, witzig wohl gemeint, aber ohne jede Spur von Intimität und Erotik.
Köln-Insight.TV: Oh das finde ich aber eher ungehört, nein, das ist nicht der richtige Weg. Und im Moment geht doch auch die Rede von einem gesellschaftlichen Wandel in Richtung Lustlosigkeit um …. hat das darin seine Ursache?
Dr. Jutta Kossat: Wir sehen in der Gesellschaft eine zunehmende Beziehungslosigkeit und Einsamkeit des Einzelnen. Was auch nicht förderlich für die Lust ist. Statt zwei bis drei guten Freunden haben wir ein paar Hundert belanglose Freundschaften über Facebook.
Dazu kommt die straffe Durchorganisation des Tages und das geringe Zeitfenster für die spontane Entwicklung von Lust – was sein Übriges ausmacht.
Köln-Insight.TV: Und dazu gesellen sich noch die Mythen und Normen, von denen wir ja bereits gehört haben, die uns dann auch noch zusätzlich hemmen ...
Dr. Jutta Kossat: Ja, wir sind zwar einerseits freier und auch gleichberechtigter geworden, unterliegen aber andererseits ganz neuen Zwängen.
Dem allgegenwärtigen Optimierungswahn unterliegen wir auch im Sexuellen. Zynisch gesagt, ein multipler Orgasmus ist das Mindeste, was jeder haben muss.
In der vermeintlichen sexuellen Freiheit müssen wir unsere eigenen Grenzen finden und setzen. Die sexuelle „Normalität“ gibt es nicht und auch das kann Druck erzeugen. Vermeintlich mithalten und mitreden zu müssen. So in etwa wie in der bekannten Werbung „Mein Haus, mein Auto, meine Kinder, meine Yacht ...“, hier wär noch zu ergänzen „mein Sexleben“.
Zu sich zu stehen und sicher zu sein: Was mag ich? Was mag ich nicht? Das ist das gesunde Motto für Sexualität.
Köln-Insight.TV: Mit schwebt da etwas ganz anderes vor, dass wir unseren Zuhörer gerne mit auf den Weg geben wollen: Erlauben Sie sich den Traum von der romantischen Liebe zu einem Partner voller leidenschaftlicher Erotik bis zum Lebensende. Er könnte wahr werden … In diesem Sinne eine wunderbar sinnliche Nacht nach Köln.