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Mysterium Mann - Die Lust des männlichen Geschlechts - Interview mit der Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat

Brunnen männlich.KL

Alpenwelt.TV in Kooperation mit Köln-Insight.TV führte Gespräche für den "Kölner SexTalk" mit Dr. Jutta Kossat, Priener Sexualtherapeutin. Hier zum Nachlesen.
Köln-Insight.TV: Nach dem wir den Blick bei den bisherigen Interviews stark auf die weibliche Sexualität gerichtet haben, möchten uns nun dem Manne widmen. Wie funktioniert seine Erektion? In welchem Alter startet die Sexualität? Was macht ihn aus in seiner Sexualität? Was törnt ihn an? Welche optimalen Liebesbedingungen braucht er? Aber auch – welche Probleme können auftauchen … Wie funktioniert so eine Erektion. Wie wird der Penis steif?
Dr. Jutta Kossat: Vereinfacht gesagt enthält der Penis schwammartiges muskuläres Gewebe, das von einer festen Hülle umgeben ist. Im nichtsteifen Zustand ist die Muskulatur zusammengezogen, dadurch ist ein Blutzufluss und Blutabfluss möglich.
Bei der Erektion erschlafft die Muskulatur, dadurch kommt es zu einem erhöhten Blutzufuhr und gleichzeitig vermindertem Blutabfluss. Das heißt im steifen Penis ist die Muskulatur entspannt und im nichtsteifen Penis zusammengezogen.
Dies erklärt, warum im Stress eine Erektion nicht zustande kommen kann. Die Erschlaffung der Muskulatur erfolgt durch das parasympathische Nervensystem, also durch das Nervensystem, das für Entspannung zuständig ist.

Köln-Insight.TV: Wie kommt es dann zur Ejakulation, also zum Ausstoß der Samen und der Samenflüssigkeit?
Dr. Jutta Kossat: Wieder vereinfacht gesagt, es kommt zum Zusammenziehen der Samenwege, vom Hoden und Nebenhoden über Samenleiter zu Prostata und Samenbläschen.
Nach der Ejakulation ist normalerweise nicht wieder gleich eine Erektion möglich, das nennt man die Refraktärzeit, diese kann aber bei Jugendlichen evtl. fast nicht vorhanden oder sehr kurz sein.

Köln-Insight.TV: Wann entdecken denn die Jungs ihre Sexualität?
Dr. Jutta Kossat: Schon vor der Pubertät haben 20 bis 50 Prozent der Jungs ein sogenanntes autoerotisches Verhalten, das heißt, sie fassen sich im Genitalbereich an. Die erste Ejakulation erfolgt im 13. bis 15. Lebensjahr und die Masturbation startet bei ihnen durchschnittlich mit 14 Jahren.

Köln-Insight.TV: Thema Aufklärung. Wir wurden ja eher nicht offen aufgeklärt. Heute sind die Zeiten, in denen Sex ein Tabuthema ist, doch längst vorbei. Wie oder wo informieren sich die Jungs über Sex – wo holen sie sich ihre Anregungen ein? Das Internet bietet doch in verlockender Weise freizügige und vielseitige Informationsmöglichkeiten …
Dr. Jutta Kossat: Die Kinder werden nach wie vor von Eltern, Freunden und durch den Schulunterricht aufgeklärt. Aber Sie haben recht, natürlich holen die Kinder und Jugendlichen sich auch Informationen aus dem Internet. Informationen sind das eine, Pornographie das andere.
Eine interessante Studie über Jugendsexualität im Internetzeitalter hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2013 gestartet.
Befragt wurden 160 Jungen und Mädchen im Alter von 16 bis 19 Jahren. 80 Prozent der Jungs hatten mehr als sporadische Erfahrung mit Pornographie. Die Internetpornographie ersetzt die herkömmlichen Onanievorlagen und erhöht nach dieser Studie die Masturbationsfrequenz aber nicht.
Das Fazit dieser Studie: Der Umgang der Jugendlichen mit Pornographie ist wesentlich unaufgeregter als die öffentliche Diskussion darüber.
Trotzdem muss man sagen, dass erstmals in der Kulturgeschichte Sexualität durch Zuschauen gelernt wird und nicht durch Ausprobieren – und wir wissen nicht, wie dieser realitätsferne Sex sich auswirken wird.

Köln-Insight.TV: Nun zum erwachsenen Mann - wie tickt der sexuelle Mann 2015?
Dr. Jutta Kossat: Ich glaube den typischen sexuellen Mann gibt es nicht. Aber was es gibt, ist, dass die Sexualität des Mannes mehr noch als die der Frau auf medientaugliche Klischees reduziert wird. Der Mann ist einfach strukturiert, Männer wollen nur das eine etc.
Wobei es heute, wie Saleem Rieck und Rainer Salm in ihrem Buch schreiben, zu jedem klassischen Klischee einen gleichfalls klischeehaften Gegenpol gibt: wie z. B. „Männer sind Egoisten im Bett – Männer wollen es immer nur der Frau recht machen“. „Männer können immer – Männer machen immer öfter schlapp“ etc.
Was ich damit sagen will, jeder Mann hat seine eigene individuelle Sexualität. Ob Männer durch die Aufhebung der typischen Rollenverteilung heute in ihrer männlichen Identität eher verunsichert sind, wäre sicher ein interessanter Diskussionspunkt.
Aber natürlich gibt es ein paar „Männerspezialitäten“, wie wir sie ja teilweise in den früheren Sendungen schon nannten.

Köln-Insight.TV: Und die wollen wir doch in jedem Fall auch hören!
Dr. Jutta Kossat: In der Sexualmedizin heißt es 99 Prozent der Männer masturbieren und 1 Prozent lügt, kurz gesagt alle Männer masturbieren.
Männer leben ihre Sexualität auf welche Art und Weise auch immer, ob in Partnerschaft oder in der Selbstliebe. Dass ein Mann sagt, „auf Sex kann ich verzichten, das brauche ich nicht“, habe ich noch nie gehört.
Männer haben ein relativ hohes Maß an sexueller Präsens, das heißt sie denken häufig an Sex. Eine schöne Frau geht vorbei und sie stellen sich diese beim Sex vor.
Auch ist es natürlich so, sie haben durch das Spüren der Erektion einen direkteren Zugang zu ihrer Sexualität als Frauen. Ein sexueller Reiz führt unmittelbar zu einer körperlichen Reaktion, zu einer Erektion.

Köln-Insight.TV: Bekanntermaßen tun wir Frauen uns damit schwerer, das zu spüren, was mit uns los ist.
Dr. Jutta Kossat: Der isolierte sexuelle Reiz hat eine hohe Erregungskraft unabhängig von Interaktion, also von einer Beziehung.
Männer haben eine relativ hohe visuelle Fokussierung auf sexuelle Reize (Genitalien, Brust).
Sie haben häufig sexuelle Vorlieben, also Dinge, die sie besonders mögen, das Klischee wäre Reizwäsche mit High Heels. High Heels und sexy Wäsche dienen der Unterstreichung der erotischen Reize und stimulieren damit verstärkt den visuellen Kanal. Aber wie gesagt, wieder nur ein Klischee. Ich kennen genügend Aussagen von Männer, denen das gar nichts gibt und die sagen „das Auspacken mag ich gar nicht, lieber gleich nackt“.
Köln-Insight.TV: Für unsere weibliche Zuhörerschaft – exklusiv – bitte nennen Sie noch ein paar ihrer Vorlieben … was törnt die Männer an?
Dr. Jutta Kossat: Was wollen Sie hören? Es gibt drei Supertipps und wenn die Frau diese beherzigt, liegt ihr Traummann zu ihren Füßen? Da muss ich passen. Sie unterliegen wieder dem üblichen Irrtum „viel bewirkt viel“. Das hatten wir schon in vorigen Interviews. Denken Sie mal umgekehrt: Haben nur die schönsten, hübschesten, männerangepassten Frauen erfüllenden Sex? Wie klingt das für Sie? Richtig?

Köln-Insight.TV: Nein, und das ist ja auch beruhigend.
Dr. Jutta Kossat: Aus meiner Praxis kann ich nur sagen Aussehen und Sextechnik hat nichts mit der Zufriedenheit im Sexualleben zu tun.
Wenn ich einem Mann gefallen möchte, dann ist der ultimative Tipp, ganz authentisch zu bleiben und so zu sein, wie man ist und wie man sich am wohlsten fühlt. Alles andere ist Quatsch, die ganzen Tricks und Tipps sind nutzlos. Vielleicht sind für den einen Overknee-Lackstiefel sehr erotisch und für den anderen sind die Stiefelchen nur hässlich.
Passend hierzu möchte ich David Schnarch, den führenden Sexualtherapeuten aus der USA, zitieren, der u. a. sagt, eine der wichtigsten Aspekte ist, ein stabiles und flexibles Selbst zu entwickeln. Bei sich zu bleiben. Klarheit zu haben, wer bin ich, was will ich und welche Ziele habe ich.

Köln-Insight.TV: Wir wollen es ganz genau wissen. Wie tickt der Mann dann schließlich beim eigentlichen sexuellen Akt? Gibt es wieder Typisches oder Tendenzen?
Dr. Jutta Kossat: Wie schon gesagt, ist der Mann nach dem Orgasmus bzw. der Ejakulation nicht gleich wieder erregbar. Bei einem jüngeren Mann dauert es vielleicht nur ein paar Sekunden bis wieder eine Erektion möglich ist, beim einem älteren Mann kann es mehrere Stunden dauern, bis es wieder geht. Auch fällt die Erregung nach dem Orgasmus sehr schnell ab.
Und durch die hohe Ausschüttung des Bindungshormones Oxytoxcin beim Orgasmus werden Männer nach dem Sex müde, anders die Frau.

Köln-Insight.TV: Was ist noch typisch für Männer?
Dr. Jutta Kossat: Allgemein ist bei Männern das Interesse an Gelegenheitssex höher als bei Frauen.
Das Bewusstsein für Grundbedürfnisse ist geringer, das heißt, der Mann kann nicht formulieren oder ist sich oft nicht bewusst, dass er ein Bedürfnis nach Nähe, Akzeptanz, Angenommen-Sein und Sicherheit hat. Sexualität kann für ihn die einzige Möglichkeit sein, Gefühle zu fühlen und zu zeigen.
Zusätzlich können Männer unter extremen Stresssituationen sexuelle Impulse verspüren.

Köln-Insight.TV: Mit welchen Problemen haben die Männer in Sachen Sex zu kämpfen?
Dr. Jutta Kossat: Teilweise kämpfen Männer mit ähnlichen Problemen wie die Frauen auch.
Beispielsweise nehmen bei den Männern die Luststörungen in den vergangenen Jahren auch zu. Die Diagnose gab es früher gar nicht.
Und auch Männer kämpfen mit Normvorstellungen wie z. B. ganz konkret in Sachen Penis. Sehr pikant schreibt das Bernie Zilbergeld in seinem leider schon etwas in die Jahre gekommen Buch. Das zweite Kapitel beginnt mit der Überschrift: „Er ist einen halben Meter lang, hart wie Stahl, allzeit bereit und haut dich von den Socken.“ Auch der von Zilbergeld genannte Mythos: „Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird“ gilt noch immer.
Das sogenannte Idealbild des Mannes, auch in Pornos präsentiert, stresst den Mann genauso wie die Frauen die Supermodels. Auch die Größe oder Nichtgröße des Penis trägt zu Verunsicherung bei.
Und es gibt natürlich noch die männerspezifischen Funktionsstörungen wie z. B. vorzeitiger Samenerguss oder die Erektionsstörung.

Köln-Insight.TV: Was versteht man unter einem vorzeitigen Samenerguss?
Dr. Jutta Kossat: Das ist eine ungewollte Ejakulation vor, bei oder kurz nach dem Eindringen in die Scheide. Per Definition ist die Zeit in der Vagina weniger als eine Minute oder anders gesagt, es sind nur ein oder zwei Stöße möglich. Oft sagen mir die Männer, sie kämen zu schnell, aber dabei handelt es sich nicht um einen vorzeitigen Samenerguss, sondern sie denken, sie müssten länger können und haben abwegige Vorstellungen von der Länge des Geschlechtsverkehrs.

Köln-Insight.TV: Wie lange dauert denn der durchschnittliche Geschlechtsverkehr, weiß man das?
Dr. Jutta Kossat: Wenn man alle Paare mit einschließt, dann sind es 5,4 Minuten, wenn man die Männer mit einem vorzeitigen Samenerguss weglässt, dann sind es 7,3 Minuten.

Köln-Insight.TV: Oh – das ist aber nicht wirklich lang – also die Zeitangabe gilt am dem Moment der Penetration oder …
Dr. Jutta Kossat: Ja, ab dem Zeitpunkt der Penetration. Kaum jemand schaut während der Erotik auf die Uhr, deshalb kommt es Ihnen wahrscheinlich kurz vor. Intensiv gefühlte Zeiten erleben wir subjektiv als länger.

Köln-Insight.TV: Vorher haben Sie die Erektionsstörungen angesprochen. Welche Auswirkungen hat dies auf den Mann und sein Selbstwertgefühl?
Dr. Jutta Kossat: Durch den Verlust der erektilen Potenz wird das körperliche, seelische, und soziale Selbstverständnis im Kern erschüttert, besonders bei jungen Männern. Als Jugendlicher oder junger Mann bedeutet dies ein totalitäres Eigenerleben, d. h. ein Teil von mir ist nicht okay, also ist alles nicht okay.
Ein- bis zweimal, keine Erektion zu bekommen, reicht aus für eine Chronifizierung bereits aus, was bedeutet, dass der Mann denkt: „Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf meine Erektion richte, verliere ich sie.“ Der leiseste Gedanke, es könnte nicht gehen, genügt!

Köln-Insight.TV: Okay, also auch die männliche Sexualität kann belastet sein. Was ist denn mit der Sexsucht. Darunter litten ja wohl auch einige bekannte Schauspieler – so hat sich ja Michael Douglas einmal dazu bekannt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Dr. Jutta Kossat: Sex dient hierbei der Betäubung der inneren Leere. Wie das Wort schon sagt, ist das ein exzessives sexuelles Verlangen mit den typischen Suchtkriterien.
Das heißt, es kommt zu einer Entzugssymptomatik mit erhöhter Anspannung und Aggressivität. Eine Dosissteigerung wird notwendig. Die sozialen Interaktionen leiden, es wird gestritten, gelogen, sich isoliert und die Leistung sinkt allgemein ab.
Im Gegensatz zum Michale Douglas ist das bei den „Normalsterblichen“ meist in Form einer Pornosucht. Ursache der Pornosucht kann eine Beziehungsstörung sein, umgekehrt führt eine Pornosucht auch zur Beziehungsstörung.
Laut einer Online-Studie in den USA über Sex haben 2 Prozent der Studienteilnehmer alle Kriterien für eine Sexsucht erfüllt.

Köln-Insight.TV: Eigentlich war unser Thema die männliche Lust - davon sind wir jetzt etwas abgekommen. Können Sie zum Schluss noch etwas Positives zur männlichen Lust sagen?
Dr. Jutta Kossat: Da möchte ich gerne die Männer selbst zitieren und berufe mich dabei auf eine Online- Umfrage, die von Saleem Rieck und Rainer Salm durchgeführt wurde. 341 Männer nahmen an der Umfrage teil.
Auf die Frage „was macht Sex für dich erfüllend?“ antworteten 76 % Liebe und Nähe zur Partnerin bzw. Partner. Die gleiche Antworten höre ich auch bei meiner klassischen Einstiegsfrage in der Praxis: Was bedeutet für Sie Sexualität? Praktisch alle Männer antworten „Sexualität bedeutet für mich Nähe, Ich-sein, und natürlich ist auch Lust dabei“.
Auf die Studien-Frage „Was lässt dich mit Freuden Mann sein?“ antworteten 57 % „wenn ich meine männliche Kraft spüre“ und 54 % „wenn ich liebe“.
Die gleichen Autoren machten noch eine Umfrage unter Therapeuten, die mit Männern arbeiten. 51 % dieser Therapeuten sehen keinen wesentlichen Unterschied in der Komplexität der männlichen und weiblichen Sexualität.
Mein Fazit: Männliche Sexualität ist anders und das ist gut so. Einfach den Mann, Mann sein lassen.

Köln-Insight.TV: Ja das sind doch aufmunternde Fakten – so schlimm ist es um den Unterschied zwischen Mann und Frau wohl doch nicht gestellt – man muss die Verhaltensweisen nur richtig zu deuten verstehen …. bis zum nächsten Mal