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Klitoris: Die Lustperle der Frau im Wandel der Zeit - Interview mit der Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat

Amaryllis KLDr. Jutta Kossat im Gespräch mit Alpenwelt.TV für die Radiosendung "Kölner SexTalk" von Köln-Insight.TV - hier zum Nachlesen.

Köln-Insight.TV: Was ist über die Klitoris in der Geschichte bekannt? Wann wurde sie entdeckt? Was wissen wir heute darüber? Wie beeinflussen uns die Geschichten von früher? Um dieses Thema kreist unser Gespräch heute.
Frau Dr. Kossat – was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Klitoris?
Dr. Jutta Kossat: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und heißt kleiner Hügel. Die Klitoris ist ein Gewebe aus verschiedenen Muskelfasern, Bindegewebe, Blutgefäßen und Nerven. Sie ist das einzige Organ des Menschen, das nur dem Vergnügen dient.

Köln-Insight.TV: Seit wann ist es bekannt, dass wir Frauen eine Klitoris haben?
Dr. Jutta Kossat: Die Klitoris wurde im Laufe der Jahrhunderte von Medizinern beschrieben, dann ignoriert und wieder neu entdeckt Sie ist schon seit der Antike bekannt – die Griechen betrachteten sie entweder als unvollkommene Version des Penis oder in gewagter Analogie zu Gaumenzäpfen als Wächterin am Eingang der Gebärmutter.
Im 16. Jahrhundert entdeckte Fallopio die Klitoris als eigenständigen Körperteil wieder und sein Rivale Colombo war der erste, der etwas über sie veröffentlichte. 1595 bezeichnete er sie als kleines, sehr hübsches Organ.
Sein Lehrer Vesalius bezeichnete sie hingegen als „nutzlosen Teil im Unterschied zu den Organen.“ Seiner Meinung nach war die Klitoris nur eine „zu beobachtende Fehlbildung“. Diese Ansicht ging zunächst in die Geschichte ein.
Im 18. Jahrhundert beschreibt sie der niederländische Arzt Bernard Mandeville dann wieder als lustspendendes Zentrum des weiblichen Begehrens.

Köln-Insight.TV: Also ein ständiges Auf und Ab über die Existenz der Klitoris. Die Mediziner konnten sich wohl keinen Reim auf das kleine, lustbringende Geschlecht machen – wie ging es dann im 19. und 20. Jahrhundert weiter?
Dr. Jutta Kossat: Im 19. Jahrhundert kam es zu Klitorisentfernungen. Die genaue Zahl der Frauen, die zu dieser Zeit sowie Anfang des 20. Jahrhunderts von Ärzten beschnitten wurden, ist nicht bekannt. Aus England ist bekannt, das der Arzt Isaac Baker Brown 47 Klitorisentfernungen vornahm, um psychische Krankheiten zu heilen. Dies führte letztendlich zu einem Ausschluss Browns aus der Ärzteschaft.
Aber wie Frau Marion Hulverscheidt (2000) in ihrer Dissertation über weibliche Genitalverstümmelungen im 19. Jahrhundert schreibt, kam es dazu nicht etwa, weil er einige Frauen gegen ihren Willen operierte, sondern weil er deren Ehemänner nicht informierte.

Köln-Insight.TV: Wie unerhört – wussten denn die Mediziner nicht um die Funktion der Klitoris?
Dr. Jutta Kossat: Doch, die Funktion der Klitoris für den Orgasmus war sehr wohl bekannt, nur dachte man damals, ein Orgasmus sei eine zwingende Voraussetzung für die Empfängnis. Eine Klitorisentfernung kam damit einer Sterilisation gleich.

Köln-Insight.TV: Unfassbar – und das im 19. Jahrhundert – das ist ja noch gar nicht so lange her.
Dr. Jutta Kossat: Noch bis 1905 wurden den Frauen in den USA die Schamlippen zugenäht, um eine Masturbation zu verhindern. Zusammenfassend muss man sagen, dass Ärzte die Indikation für eine Klitorisentfernung stellten bei Hysterie, Epilepsie, Melancholie sogar Kleptomanie oder bei Homosexualität.

Köln-Insight.TV: Und wir empören uns, dass noch immer in den afrikanischen Staaten Frauen an den Genitalien verstümmelt werden …
Dr. Jutta Kossat: Die Genitalverstümmelungen damals sind von ihren Auswirkungen mit der heutigen Female Genital Mutilation, also der weiblichen Genitalverstümmelung zu vergleichen, nur dass sie von Ärzten durchgeführt wurden mit einer anderen Begründung.
Köln-Insight.TV: … aber das ist ja noch schlimmer, das waren ja studierte Männer, Wissenschaftler …
Dr. Jutta Kossat: Nach Angaben von UNICEF sind weltweit ca. 125 Millionen Frauen und Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen, vor allem im nördlichen Afrika, aber auch in südostasiatischen Ländern. Auch in Deutschland leben nach Schätzungen von Terre des Femmes rund 25.000 Mädchen und Frauen, deren Genitalien verstümmelt worden sind.

Köln-Insight.TV: Wieder zurück zu der Geschichte, wie ging es Anfang des 20 Jahrhunderts dann weiter?
Dr. Jutta Kossat: Zeitgleich zu den vorher genannten Klitorisentfernungen entwickelte der Engländer Joseph Mortimer Granville 1883 einen elektrischen Vibrator. Er empfahl das Gerät, um die verspannten Muskeln männlicher Patienten zu lockern. Jedoch benutzte die Ärzteschaft diesen Vibrator zur Behandlung der weiblichen Hysterie.
Bis dahin hatten die Ärzte die Klitoris manuell stimuliert, um den Stau der weiblichen Körpersäfte zu lösen. Den Sitz der weiblichen Hysterie vermutete man in der Gebärmutter. Noch heute nennt man die Gebärmutterentfernung Hysterektomie.

Köln-Insight.TV: Was sagten denn die Ehemänner dazu, wenn die Ärzte ihre Frauen so behandelten?
Dr. Jutta Kossat: Per ärztlicher Klitorismassage kam es zu einem „hysterischen Ausbruch“ bzw. zu einem Orgasmus. Dieser vermeintliche hysterische Anfall wurde aber nicht als Orgasmus erkannt. Man nahm damals an, dass es durch das Eindringen des Penis zu einem Orgasmus kommt, das wurde als der eigentliche sexuelle Akt erachtet, deshalb hatten die Ehemänner mit der Massage kein Problem. Wahrscheinlich fanden die Therapieform die meisten Damen auch sehr angenehm. Auch Reiten, Eisenbahnfahrten oder Duschbäder wurden zur Behandlung der Hysterie empfohlen. Wir Frauen wissen warum …

Köln-Insight.TV: Na das ist ja mal eine Behandlungsmethode, um hysterische Frauen zu heilen – unglaublich. Hysterie – was verstand man denn überhaupt darunter?
Dr. Jutta Kossat: Unter Hysterie verstand man unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerz, Schlaflosigkeit und emotionale Verstimmung. Die Hysterie war eine absolute Modediagnose in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Im Jahr 1900 gab es in der Pariser Weltausstellung bereits über ein Dutzend verschiedener Vibratoren. Er wurde zunehmend als Allerwelts-Heilmittel eingesetzt und zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit Werbeslogans wie „mild, beruhigend, belebend, erfrischend. Von einer Frau entwickelt, die weiß, was Frauen brauchen" beworben, auch für zu Hause.

Köln-Insight.TV: Der heilende, glücksbringende Vibrator auf Rezept – ne tolle Vorstellung.
Dr. Jutta Kossat: Ende der zwanziger Jahre verschwanden die Vibratoren dann plötzlich von der Bildfläche. Die Historikerin Rachel Maines vermutet ("The Technology of Orgasm", 1999), dass die Kenntnisse um den weiblichen Orgasmus und auch das Vorkommen des Vibrators in erotischen Filmen den Vibrator nicht mehr gesellschaftsfähig machten.

Köln-Insight.TV: Wie ging es mit der medizinischen Betrachtung und Einschätzung der Klitoris weiter …
Dr. Jutta Kossat: Sigmund Freud betrachtete Anfang des 20. Jahrhunderts die Klitoris als minderwertigen Penis und die Frau als kastriertes Mangelwesen mit Neid auf den Penis des Mannes. Auch beschreibt er den klitoralen Orgasmus als unreifen Orgasmus. Das dies historisch heute noch nachwirkt, bestätigte mir erst diese Woche eine Patientin, die sagte: „Aber nach Freud ist doch nur der vaginale Orgasmus ein richtiger Orgasmus.“

Köln-Insight.TV: Und was ist der aktuelle Stand heute?
Dr. Jutta Kossat: Auch heute gibt es immer noch die Ansicht, dass eine Stimulation der Klitoris schädliche Konsequenzen haben könnte, entsprechende Autoren zitiert der Wissenschaftler Roy Levine in einer seiner erst kürzlich erschienen Publikation (siehe Roy J. Levin: Recreation and Procreation: A critical View of Sex in the Human Female, in Clinical Anatomy 28: 339-354, 2015).
Ein Jahrhundert lang wurde die Klitoris nicht mehr weiter erforscht. Erst ab 1998 wieder. Bahnbrechend war dann die Erkenntnis der australischen Urologin Helen O´Connell, dass die Klitoris nicht nur aus einer kleinen Klitoriseichel besteht, sondern wesentlich größer ist und tief in den Körper hineinreicht.

Köln-Insight.TV: Vor nicht mal 20 Jahren erst – das müssen Sie uns jetzt genauer erklären. Wie setzt sich die Lustperle nach heutigem Wissen zusammen!
Dr. Jutta Kossat:
• Die Klitorisspitze ist der einzige Teil der Klitoris, der zu sehen ist; sie liegt zwischen Harnröhrenausgang und Schambein.
• Die Klitorisspitze enthält sehr viele Nervenfasern, doppelt so viele wie die Peniseichel des Mannes und kann von daher sehr empfindlich sein, so dass manche Frauen eine direkte und zu intensive Stimulation nicht als angenehm empfinden.
• Die Klitorisspitze geht in den tieferliegenden Klitoriskörper über.
• Vom Klitoriskörper gehen zwei Fortsätze von bis zu neun Zentimeter seitlich in die Tiefe des Körpers. Diese Fortsätze werden als Klitorisschenkel bezeichnet. Die Klitorisschenkel laufen innerhalb des Beckens entlang der Schambeinäste.
• Zusätzlich gehören noch zwei mächtige Schwellkörper zum Klitoris-Komplex dazu, die von dem Klitoriskörper bis zum unteren Drittel der Scheide, der Vagina, ziehen.
• Die Klitoris ist also nicht nur ein kleines „erbsengroßes Gewebe“, sondern wesentlich umfassender als ursprünglich gedacht und damit individuell sehr unterschiedlich stimulierbar.

Köln-Insight.TV: Wenn wir so wenig von der Lustperle der Frau wissen, wie sollen wir dann deren Sexualität und Lustempfinden verstehen – wir und vor allem die Männer sind doch damit eigentlich völlig überfordert oder?
Dr. Jutta Kossat: Erst Ende 2014 erschien ein Artikel des Wissenschaftlers Roy Levine, der anhand zahlreicher zusammengefasster Studien aufzeigt, dass es noch viele offene Fragen bezüglich der weiblichen Sexualität gibt. Seine Aussagen sind u. a.:
• Es gibt bis jetzt keinen wissenschaftlich untermauerten Vorteil, dass sich die Fruchtbarkeit der Frau erhöht, wenn sie beim Geschlechtsverkehr einen Orgasmus bekommt.
• Und daraus ergibt sich die große unbeantwortete Frage: Warum ist die Klitoris die am leichtesten erregbare Struktur des weiblichen Genitals, wenn sie keinen klar erkennbaren Vorteil für die Evolution, also für die Fortpflanzung hat?
• Warum ist das so, wenn die Klitoris bis jetzt nur eine Funktion hat – und die ist, sexuelles Vergnügen zu kreieren?

Köln-Insight.TV: Das ist in der Tat eine große Frage, mit der sich offenbar bisher zu wenig Forscher beschäftigt haben. Was glauben Sie, wie wirkt sich diese doch immense Unwissenheit auf die erlebte Sexualität der Frau aus?
Dr. Jutta Kossat: Die sich durch die Jahrhunderte ziehende Unwissenheit oder Fehlinterpretation über die Klitoris wirkt sich auch heute noch auf unsere Sexualität aus. Für mich erklärt das die oft gehemmte Lebensfreude und die häufig unbewussten Einschränkungen der Frauen in ihrer Sinnlichkeit.
Erst heute hat mir eine wirklich sinnliche Frau wieder gesagt, wenn sie die Initiative beim Sex ergreift, fühlt sie sich nicht gut, obwohl sie eigentlich Lust hat. Sie fühlt sich, wie wenn es ihr nicht erlaubt sei. Das kann eine Folge der Erziehung oder aber eines historisch bedingten, kollektiven Bewusstseins sein, es zeigt, dass unsere Sexualität nicht frei von der Vergangenheit ist – und dass immer noch in unseren Köpfen steckt, dass Frauen ihre Lust nicht offen und voller Lebensfreude zeigen und ausleben dürfen.