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Sexuelle Wünsche & Fantasien - Interview mit der Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat

Stachelblume beschnInterview mit der Priener Sexual- und Partnertherapeutin Dr. Jutta Kossat im Rahmen des „Kölner SexTalks“ für Köln-Insight.TV Radio Edition.

Seit 11. Mai sendet Köln-Insight.TV in seiner Radio-Edition am Montag die Interview-Serie „Kölner SexTalk“, bei der die Journalistin Petra Wagner im Gespräch mit der Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Jutta Kossat über gängige Vorurteile sowie Mythen aufklärt und über die weibliche wie männliche Sexualität informiert. 
Für alle jene, die die Sendung nicht live anhören konnten, hier die Inhalte zum Nachlesen.

Alpenwelt.TV: Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema Fantasie und Wünsche beim Sex. Grundsätzlich möchten wir uns dabei nur mit den „respektablen“ Dingen auseinandersetzen. Krankhafte Vorlieben klammern wir gänzlich aus.
Dr. Jutta Kossat: Nur um das kurz klar zu stellen, es gibt Menschen die unter normabweichenden sexuellen Impulsen leiden oder andere zu Opfern dieser Impulse machen, das nennt man eine Paraphilie oder Störung der sexuellen Präferenz, also der sexuellen Vorlieben. Auf dieses Thema möchte ich jetzt nicht eingehen, sondern auf die normalen sexuellen Wünsche und Fantasien.

Alpenwelt.TV: Frau Dr. Kossat, wie unterscheiden sich Fantasien und Wünsche?
Dr. Jutta Kossat: Sexuelle Fantasien müssen nicht erlebt werden, Wünsche hingegen drängen eher nach Verwirklichung, sind stärker.
Sexuelle Fantasien haben viele bei der Selbstliebe, Männer fast alle, Frauen meistens. Das sogenannte Kopfkino wird aber auch manchmal beim Sex mit dem Partner eingesetzt. Die Fantasie, die uns zum Orgasmus führt, nennen wir präorgastische Fantasie. Das ist die Fantasie, die uns wirklich kickt.

Alpenwelt.TV: Befassen wir uns zunächst mit Fantasien. Woher stammen diese Filme im Kopf? Gibt es dazu Erklärungen?
Dr. Jutta Kossat: Wann das erregende Schema festgelegt wird, ist nicht gesichert, wahrscheinlich schon im Kindesalter, aber spätestens zum Erwachsenenalter ist es fixiert.
Wie und warum bestimmte Filme oder Bilder im Kopf entstehen, dazu fehlt bisher ein schlüssiges Erklärungskonzept. Es ist ein bisschen wie Schicksal oder Zufallstreffer. Wir wissen aber auf jeden Fall, dass das Schema der kickenden präorgastischen Fantasie relativ konstant bleibt. Das heißt, wenn ich mir eine Frau und einen Mann beim Geschlechtsverkehr vorstelle, dann wird das das auslösende Moment in unterschiedlichen Varianten mehr oder weniger bleiben. Ich werde mir wahrscheinlich dann nicht irgendwann zwei Frauen vorstellen.

Alpenwelt.TV: Wie sehen die Fantasien aus – sind es eher Rollenspiele, Verhaltensweisen, Situationen oder sind wir mit unserem Traummann oder der Traumfrau zugange? Was liefert uns den ultimativen Kick?
Dr. Jutta Kossat: Was wir uns vorstellen, ist ganz unterschiedlich und teilweise sehr bizarr; manchmal auch ganz einfach ein sexueller Akt oder eine schöne Frau. Wer viele Beispiele dafür lesen will, eher außergewöhnliche, dem sei das Buch „Sex im Kopf – die erotischen Fantasien der Deutschen“ empfohlen von Herrn Haase-Hindenberg.

Alpenwelt.TV: Wie unterscheiden sich die kickenden Bilder bei Mann und Frau?
Dr. Jutta Kossat: Tendenziell würde ich sagen, bei Frauen ist oft eine Beziehung Inhalt der Fantasie. Also zum Beispiel stellt sie sich ein Pärchen beim sexuellen Akt vor, vielleicht auch sich selbst mit ihrem Traummann. Bei Männern genügt es, wenn sie sich nur eine schöne Frau vorstellen, es geschieht eine größere Fokussierung auf den Busen und die Genitalien. Es kann also eine isolierte Visualisierung auf die Geschlechtsmerkmale erfolgen. Frauen denken dabei an mehr als nur an den Penis!

Alpenwelt.TV: Nennen sie doch unseren Zuhörer ein Beispiel aus Ihrer Praxis.
Dr. Jutta Kossat: Ich nenne Ihnen mal eine ganz lustige oder nette Fantasie. Eine Patientin konnte nur zum Orgasmus kommen, wenn sie sich Wildwestspiele vorstellt und wenn im Kampf einer vom Pferd viel, war dieser Kick orgasmusauslösend.
Die Patientin fand das sehr peinlich, obwohl ja eigentlich harmlos. Die Patientin erklärte sich das Zustandekommen der Fantasie durch die vielen Wildwest- und Indianerspiele, die sie mit ihren Brüdern gespielt und geliebt hat.
Die Patientin fragte, darf ich mir denn das vorstellen, mein Partner muss mich doch zum Orgasmus bringen. Warum sollte sie es sich nicht vorstellen dürfen?

Alpenwelt.TV: Welche Fantasien kennen Sie noch?
Dr. Jutta Kossat: Fantasien gibt es so viele unterschiedliche wie Menschen. Das ist etwas komplett Individuelles.
Erwähnenswert finde ich vielleicht noch, dass die Vorstellung, Sex in beängstigenden Situationen zu haben oder auch den Partner an eine andere zu verlieren, durchaus kickend sein können. Es ist ähnlich wie in Prüfungssituationen, ein bisschen Angst in der Vorstellung schadet nicht, viel Angst lähmt. So kann es auch beim Sex sein. Etwas Angst beim Sex wirkt durchaus erregend. Stellen Sie sich zum Beispiel eine Frau mit Platzangst vor. Wenn diese von Sex im Fahrstuhl fantasiert, kann das durchaus kickend sein. Beängstigend aber irgendwie auch erregend.

Alpenwelt.TV: Die Angst, erwischt zu werden – also Sex an „verbotenen“ Orten – das ist doch auch eine kickende Sache, die hierzu eingeordnet werden könnte oder?
Dr. Jutta Kossat: Ja, Sex hat immer was mit Aufregung, Spannung und Verbotenem zu tun. Das Verruchte kickt uns. Da es heute für uns keine oder kaum mehr Grenzen gibt, kann es immer schwerer sein, diesen Kick zu spüren.

Alpenwelt.TV: Wie sieht es nun mit Sado-Maso-Fantasien aus. Der unglaubliche Erfolg von Shades of Grey lässt vermuten, dass Frau doch davon träumt, gefesselt und geschlagen zu werden. Haben die Frauen die sadistisch-masochistischen Szenen neu entdeckt oder war der Wunsch schon immer da?
Dr. Jutta Kossat: Die Fantasie war sicher schon immer da und wurde gut durch Shades of Grey bedient. Nach einer Studie haben ca. 50 % der Frauen masochistische, demütigende Fantasien. Dazu gehören Fantasien, in denen tatsächlich körperliche Schmerzen vorkommen, aber auch und v. a. demütigende Situationen oder solche, in den sie psychisch leiden wie bspw. Sex zu Dritt, obwohl sie das nicht wollen.

Alpenwelt.TV: Wie erklären Sie sich diesen kickenden Wunsch nach Unterwerfung?
Dr. Jutta Kossat: Zum einen sind die Frauen in den Fantasien ja nicht wirklich unterworfen, da sie ja die Zügel in der Hand haben und das Drehbuch für ihre Fantasie schreiben.
Wenn man Unterwerftsein tatsächlich als erregend erlebt, kann es auch damit zusammenhängen, dass man, wenn man unterworfen wird, nichts für das Geschehene kann, keine Verantwortung übernehmen muss, sich für seine Lust nicht schämen muss, da man ihr ja ausgeliefert ist. So in dem Sinne, es geschieht mir, ich habe keine Schuld. Bei Menschen, die ein Problem mit der Lust haben, im Sinne von Lust ist etwas Schmutziges oder Verwerfliches, kann die Unterwerfung die scheinbare Lösung sein.

Alpenwelt.TV: Nun gut, Fantasien helfen uns bei der Selbstliebe – aber wenn wir nun mit unserem Partner zugange sind – wie schaut es da aus mit Fantasien? Träumt man sich dabei auch ein wenig weg oder ist man strikt in der Realität?
Dr. Jutta Kossat: Wie immer gibt es auch hier keine Fakten, die für alle gelten. Die einen sind vielleicht vollkommen in der Realität, die anderen brauchen zum Orgasmus auslösen noch das eine oder andere Bild. Das ist ja okay und nicht zu bewerten. Kritisch würde ich finden, wenn ein Partner während der ganzen Intimität von jemand oder etwas anderem träumt. Dann stimmt was nicht. Aber präorgastisch, warum nicht?

Alpenwelt.TV: Gut wir haben unsere Fantasien – gibt es keine Chance, sie zu erfüllen? Wann oder wie wandeln sich Fantasien in Wünsche und damit in die Nähe der erlebten Realität?
Dr. Jutta Kossat: Manchmal wird der Wunsch nach Erfüllung der Fantasie immer dringender, insbesondere, wenn die Fantasie im Verborgenen lebt. Das heißt wird mit dem Partner nicht darüber gesprochen, dann kann, muss aber nicht, aus der Fantasie ein Wunsch werden.
Andererseits gibt es Fantasien, die wollen nie gelebt werden, weil sie z. B. eine verheerende Auswirkung auf die Beziehung hätten oder der Moralvorstellung des Betroffenen nicht entsprechen. Beispielsweise der Mann stellt sich vor, seine Frau hat Sex mit anderen Partnern. Das wird auch als Cuckold bezeichnet, abgeleitet vom englischen Wort für Kuckuck. Dabei wird die Eifersucht zur Spitze getrieben, beängstigend und zugleich schmerzhaft erregend.
Manche Patienten, die ihre Fantasien in die Realität umgesetzt haben, sagen in der Fantasie war es schöner und besser. Ist ja auch klar, da bestimmen und dirigieren nur sie und nicht jemand anderes.

Alpenwelt.TV: Wie ist es jetzt mit den Wünschen?
Dr. Jutta Kossat: Wie gesagt Wünsche wollen eher erfüllt werden im Gegensatz zu den Fantasien. Wünsche finde ich gut. Sie bereichern das Sexualleben, machen es lebendiger und authentischer. Manchmal sind Wünsche mehr wie Tagträume oder manchmal ganz konkrete sexuelle Wünsche. Sich die Wünsche gegenseitig zu erzählen, kann das Intimleben sehr bereichern und neu beleben.
Denken Sie nur an den wunderbar skurrilen Roman von David Foenkinos „Das erotische Potential meiner Frau“. Der Protagonist Hektor wünscht sich nichts sehnlicher als seine Frau beim Fensterputzen auf der Leiter zu sehen und bis er dazu stehen kann, kommt es zu herrlichen Verwicklungen.

Alpenwelt.TV: Wie steht es damit, wenn sich die Personen ihrer Wünsche gar nicht bewusst sind – gibt es das und wie kann man das ändern?
Dr. Jutta Kossat: Natürlich das Thema hatten wir ja schon in den vorigen Sendungen.
Manchmal besteht nur eine unspezifische, nicht genau fassbare Unzufriedenheit mit dem Sexualleben, hinter der sich unbewusste Sehnsüchte oder Wünsche verbergen können. Wie kann man es ändern?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine kreative wäre, sich vorzustellen, wenn ich einen erotischen Roman schreiben müsste, wie würde der aussehen.
Oder wenn eine Fee käme und ich drei Wünsche bezüglich meines Liebeslebens frei hätte, was würde ich mir wünschen. Meist gibt es viele Wünsche, auch die Erfüllung kleiner Wünsche kann große Wirkung zeigen. Oder anders gesagt in fast jedem Liebesleben gibt es Luft nach oben!

Alpenwelt.TV: Wenn ich meine Wünsche nun ausleben möchte, muss sie der Partner kennen – wie stelle ich das am besten an?
Dr. Jutta Kossat: Seiner eigenen Wünsche sich bewusst sein, ist eine Sache, sie zu äußern, ist etwas ganz anderes. Dazu gehört Mut und auch etwas Geschick. Sexuelle Wünsche und Fantasien haben wir alle.
Nur in ca. 50 % der Fälle kennt der Partner unsere sexuellen Wünsche, bei Fantasien sind es noch weniger. Und wenn wir die unserem Partner mitteilen, ist das auch etwas heikel und kann ungewollte Nebenwirkungen haben, wie in dem Film „Eyes wide shut“ bestens gezeigt wird, als die Frau ihre Fantasie – Sex mit einem Unbekanntem – ihrem Mann beichtet.
Wünsche müssen ohne jeden Vorwurf verpackt sein. Es muss klar sein, es sind Wünsche, nicht Erwartungen, und ein freundliches Nein wird auch akzeptiert.

Alpenwelt.TV: Gut, jetzt kennt man gegenseitig die Wünsche - wie kommt das Paar nun in den Genuss des Auslebens?
Dr. Jutta Kossat: Im Grunde geht es erst mal um das Kennenlernen der Wünsche und um ein gemeinsames Gespräch darüber. Keiner sollte die Wünsche des anderen als Bedrohung der Beziehung sehen, sondern erstmal nur zuhören. Im weiteren Verlauf kann man dann sehen, wie gut die Wünsche der beiden Partner zusammenpassen.

Alpenwelt.TV: Wo sehen Sie die Hauptprobleme, denn wie wir wissen, läuft es ja leider nicht immer so reibungslos, wie wir uns gerne hätten.
Dr. Jutta Kossat: Viele Partner getrauen sich nicht nach den Wünschen und Fantasien zu fragen, weil sie Angst vor der Antwort des Partners haben. Andere wiederum trauen sich nicht, ihre Wünsche zu nennen, finden sie vielleicht lächerlich.
Bei einer offenen und intimen Partnerschaft finde ich es schön, seine geheimen Wünsche und Fantasien mit dem Partner teilen zu können. Ist aber natürlich etwas ganz Intimes, aber auch etwas sehr Verbindendes. Ich darf so sein, wie ich bin, auch mit meinen geheimsten Wünschen und Gedanken werde ich geliebt. Das ist die Annahme des anderen pur.

Alpenwelt.TV: Aber was ist, wenn die Wünsche des einen nicht zu denen des anderen passen?
Dr. Jutta Kossat: Manchmal kann es natürlich passieren, dass man keine gemeinsame sexuelle Weltanschauung findet, dann kann es sein, man passt tatsächlich nicht zusammen. Dies gilt natürlich besonders, wenn jemand ganz spezielle Vorlieben hat, diese sind nicht aufzulösen, sondern bleiben so.
Allerdings wenn wir unsere sexuellen Wünsche unterdrücken, dann heißt das, dass wir auf einen wichtigen Teil von unserem Selbst verzichten. Dann kann sich das Gefühl einstellen, etwas zu verpassen und dass das eigentliche Leben an uns vorbeigeht.
Aber in der Regel können die Paare zueinander finden, weil es sich meist um ganz harmlose Träume und Wünsche handelt. Es ist in jedem Fall eine ganz bereichernde Erfahrung, spielerisch etwas Neues auszuprobieren. Und erfüllte Wünsche steigern die Intimität des Paares, bestärken die Weiblichkeit wie die Männlichkeit und machen glücklich – sie bewirken, dass sich die Menschen lebendig fühlen.